SystemStellen als verkörperndes Übergangsmedium

Bei dem Systemaufstellen wird ein Bild erfahrbar, in dem sich im Sinne von Wittgensteins Bildtheorie die Beziehungen der Elemente des abgebildeten Systems zeigen.
Medium wird verstanden als ein Erfahrungsraum, der sich vorübergehend der individuellen Information zur Verdeutlichung und Vermittlung zur Verfügung stellt und selbst dabei im Wesentlichen unverändert bleibt wie die Trägerwellen des Rundfunks.
Mit  „Verkörpern“ ist nicht der von außen sicht- und beschreibbare „Körper“ des Menschen  gemeint, sondern der sich selbst von innen wahrnehmende Körper, das „Soma“, das selbstregulativ, phänomenologisch, subjektiv ist. Das Soma wird von sensomotorischen Funktionsgesetzen aufgebaut, geführt und entwickelt. So gilt z.B.: der Satz  „Funktion schafft Struktur“. In der Erfahrung, die uns „prägt“ sind Sinneswahrnehmungen und Bewegungen untrennbar miteinander durch geschlossene Rückkopplungsschleifen verbunden. Diese Funktionszusammenhänge hat die Neurobiologie (HÜTHER, SPITZER) in den letzten Jahren mit bildgebenden Verfahren nachgewiesen.
Wir reden hier von „Bewusstsein“, das die eben angesprochene sensomotorische Funktion mit ihren Erfahrungen und erlernten Mustern zusammenfasst, dem „sinnlichen Raum“ im Unterschied zu „Bewußtheit“, die sich grundsätzlich alle erdenkbaren Inhalte vorstellen kann, dem „logischen Raum“ oder „Raum der Möglichkeiten“.
Das „Bild“ ist eine „Transformation“ von einer Ebene in eine andere, von einem Medium in ein anderes.

Die Bezeichnung „Übergangsmedium“ ist in Analogie zu dem „Übergangsphänomen“ entstanden, das die Bedeutung des „Übergangsobjektes“ beschreibt:
Das Übergangsobjekt nach Winnicott (z.B.: das Schmusetier) repräsentiert (als „äußeres“ Objekt) für das Kind die mit der Hauptbezugsperson gemachten Erfahrungen. Dadurch sind diese sensomotorischen Erfahrungen dem Kind (mithilfe des Übergangsobjektes) auch dann zugänglich, wenn die Bezugsperson derzeit nicht verfügbar ist (zur Wiederholung der direkten „äußeren“ Erfahrung).
Das heißt, das Kind kann (mithilfe des Übergangsobjektes) diese bisher gemachten guten Erfahrungen externalisieren und damit sich zugänglich machen in einer Zeit, in der die innere Repräsentanz dieser Erfahrungen noch nicht sicher genug ist.
Später wird dieses Übergangsobjekt internalisiert, bzw. die damit verbundenen sensiblen und motorischen Erfahrungen sind so intern zugänglich, daß es kein äußeres Übergangsobjekt mehr braucht.
Trotzdem kann später dieses innere Übergangsobjekt jederzeit wieder er-innert werden (und bei Bedarf externalisiert werden).
Eigentlich beginnt hier schon die Praxis der Aufstellungsarbeit, die unter Alltagsumständen nicht so bezeichnet und wohl auch nicht als solche erkannt würde.

 

Ähnlich wie die Bilderfahrung des Übergangsobjektes können alle Erfahrungen im Sinne von Tatsachen unseres bisherigen Lebens als Übergangsmedien dienen, um dort und damals gemachte Erfahrungen sensomotorisch zu aktualisieren und sie dem Jetzt sowie der Zukunft nutzbar zu machen:

Eine gute Erinnerungshilfe, um es zu veranschaulichen, sind Fotos : durch Anschauen der Bilder sind unsere damaligen Erfahrungen nachspürbar, wieder-her-holbar.

In der Paararbeit sind die jeweils gemachten Erfahrungen ein Medium, ein Erfahrungsraum, mit dem beide Beteiligten je einzeln oder gemeinsam umgehen mit beziehungsfördernder oder beziehungsstörender Wirkung:  innere Bilder, äußere Bilder, Anschaffungen, gebautes Haus, gemeinsame Kinder, ...
Wichtig im Umgang damit ist: wie ist jeder mit sich, der gemeinsamen Erfahrung und dem anderen in Beziehung? Welche Ein- und Auswirkungen zeigen sich? Gibt es z.B. ein Aufatmen oder bleibt einem die Luft weg und wird es eng?

Bei Beerdigungen werden manchmal zusammen mit dem Toten die gemeinsamen Erfahrungen (aus Liebe und weiter gewünschter Verbundenheit) in der Vorstellung mit ins Grab gelegt. Dadurch schneidet sich der Betroffene vom Zugang zu den gemeinsamen Erfahrungen ab;  sensomotorisch wird dabei ein Teil abgespalten oder „eingefroren“, was zu andauernden Verstrickungen führt, denn ein Teil des Betroffenen bleibt innerlich mit der verstorbenen Person verbunden und kann sich dadurch dem weiteren Leben nicht zuwenden.

Mit den Erfahrungen von heute können wir einem „inneren Zustand von damals“ völlig neue Erfahrungen zukommen lassen. Damit können wir unsere Geschichte umschreiben („Re-Imprinting“ NLP).

 

In der Aufstellungsarbeit sammelt sich der „Protagonist“, der „Aufstellende“ auf sich und sein Anliegen/Problem/Ziel hin. Danach werden die dafür nötigen Elemente des Systems, um das es geht, zusammengestellt, ausgesucht, aufgestellt. Dabei wird ein bisher „nur“ innen (meist vage) vorhandenes, „außer-sinnliches“ „inneres Bild“ nach außen sicht- und spürbar „transponiert“/“externalisiert“/“transformiert“. Dadurch kann mit diesem Bild so umgegangen werden, daß dieses Bild sich entwickeln kann in die von dem Aufstellenden bewusst bzw. unbewusst intendierte Richtung. Die Prinzipien dieses Vorgehens gehorchen systemischen Funktionsgesetzen deren Umrisse sich immer deutlicher abzuzeichnen beginnen (z.B.: “Ordnungen der Liebe“, Hellinger). Während und am Ende der Aufstellungsarbeit nimmt der Aufstellende das Gewordene mit all seinen Sinnen in sich hinein, um es sich einzuverleiben. Er läßt die Erfahrungen wieder sinken und sich zu der Ebene finden, von der der Aufstellimpuls ausging, sodass die verändernde Wirkung möglichst nahe an die ihr zugrundeliegende innere unbewusste Ausgangssituation anknüpft und diese transformieren kann.

Folgende Ebenen des Erlebens und Verhaltens scheinen uns wichtig bei der Beschreibung der Aufstellungsarbeit als Übergangsmedium:
Die körperliche Ebene: Empfindungen und Impulse („Bewegungen der Seele“)
Die emotionale Ebene: Emotionen, als Übergänge von Empfindungen zu Gefühlen.
Beispiel: die Körperempfindung „eng“ kann die Impulse „vorwärts“ und „rückwärts“ gleich stark und sich gegenseitig blockierend enthalten. Dies kann der gleichstarken Tendenz zu Angriff und Flucht entsprechen. Auf der Ebene der Gefühle, wenn nicht gehandelt, sondern die Empfindung gedeutet wird,  wäre dadurch eine Gleichzeitigkeit von Ärger und Angst möglich. Hierbei wird meistens nur eins der beiden Gefühle bewusst wahrgenommen und das Gegenstück bleibt in der leiblichen Kodierung der Empfindung versteckt.
Die soziale Ebene: Interaktionen, die Aus- und Eindruck gleichzeitig sind.
Die geistige Ebene: Werte, Ziele, Visionen,
Alle diese Ebenen sind gleichzeitig wirksam, schließen sich gegenseitig aus und ergänzen und vertreten sich gegenseitig.
Wir konzentrieren uns in unserer Darstellung besonders auf die von innen wahrnehmende körperliche Empfindung als die grundlegende Selbstwahrnehmungsfunktion, mit deren Hilfe wir konkret leiblich wissen wer wir sind, wie wir uns aktuell befinden und welche (Änderungs-)Tendenzen in uns sind.
Um in einen inneren Dialog von Frage und Antwort aus Empfindungsqualitäten zu kommen  führen z.B. folgende Fragen in diese konkret leibliche Ebene des Erlebens und Verhaltens:

Wie nehme ich meinen Platz ein?
Wo und wie spüre ich mich?
Wenn ich mich irgendwo nicht spüre, mich dort mit einer Bewegung suchen
Wie spüre ich mich in Beziehung zur Unterlage (Lehne, Sitzfläche, Boden)?
Wie spüre ich meinen Raum?: oben/unten, vorne/hinten, rechts/links
Wie finde ich meinen persönlichen leiblichen Weg hin zum „leer sein“?

Die Empfindungsfunktion wird bisher weitgehend verkannt, es geht jetzt an dieser Stelle um ihre (Re-)Habilitierung:
Es geht beim Empfinden um die Unterschiedswahrnehmungen, ein Mehr oder Weniger von diesem oder jenem: leichter, weiter, schwerer und mehr oder weniger gehalten.
Kennen wir unseren jeweiligen Ist-Zustand, wie wir uns aktuell befinden, dann können wir den Unterschied wahrnehmen, der entsteht, wenn wir uns einer Veränderung aussetzen wie z.B. in eine Aufstellung hineinstellen. Dadurch erkennen wir aufstellungsrelevante Wahrnehmungsinhalte, die uns unser Leib als systemisches Resonanzinstrument vermittelt. Dies gilt in gleicher Weise für Aufstellende, Repräsentanten und Aufstellungsleiter.
Wenn etwas für uns sensorisch, propriozeptiv „spürbar“ wird, dann war es motorisch intentional da, das heißt, es geht in dieser Arbeit um „Tatsachen“ (Wittgenstein). Es gibt deswegen auch für jedes Wahrgenommene ein genau zu ihm gehörendes Gegenteil oder Gegenstück.
Beispiele, die individuell verschiedenen sprachlichen Ausdruck finden können:

wenn es leichter wird, war es vorher schwerer oder fester oder härter oder ...
wenn es weiter wird, war es vorher enger oder steifer oder ...
wenn es beweglicher wird, war es vorher fester oder steifer oder ...

Dynamisch, im Sinne einer abbildenden Respäsentanz, sind immer wieder die Empfindungsbeschreibungen wichtig, die den Wahrnehmenden zu ihren eigenen Wahrnehmungen einfallen. Diese beschreibende Sprache hat schöpferische Qualität und eine somatopsychische sowie auch in der Rückwirkung psychosomatische Wirkung.

Die leibliche Empfindungsfunktion und ihre Verknüpfung mit Sprache lässt sich vielseitig schulen:
„für wahr nehmen, was ich wahrnehme“
Von den vielen Methoden, die es zur Verbesserung von Körperwahrnehmung gibt, bevorzugen wir die Funktionelle Entspannung (nach Marianne Fuchs), weil sie in ihrem methodischen Vorgehen sehr nahe bei der Aufstellungsarbeit ist, und deswegen sich mit ihr besonders gut verbinden und gegenseitig integrieren lässt.

Die Funktionelle Entspannung arbeitet ähnlich wie die Aufstellungsarbeit konkret leiblich, mit dem, was sich aktuell zeigt, macht kurze praktische Versuche und achtet auf deren Wirkung, betrachtet auftauchende Hindernisse als wichtige Hinweise, ist lösungsorientiert, ermöglicht eine integrierende Zusammenarbeit mit einer „inneren“ Steuerung, die unserem Bewusstsein nicht direkt zugänglich ist und doch ständig auf uns einwirkt. Für all diese Erfahrungen gilt es individuell stimmenden Ausdruck zu finden, der damit die Verbindung der neuen Erfahrung mit der bisherigen Identität ermöglicht.

Sowohl die Funktionelle Entspannung als auch die Aufstellungsarbeit ermöglichen uns einen persönlichen (leiblich sich konkretisierenden) Zugang zu  den funktionsbezogenen neuronalen Netzwerken, die vor jeder Unterscheidung von „innen“ und „außen“ sind.

Für das SystemStellen tun wir gut daran uns zu bemühen, gelassen, durchlässig, bezogen (zu uns, dem Boden, der Welt) zu sein, um in dieser Haltung leer und offen zu sein für Erfahrungen, die uns die Aufstellungsarbeit schenken kann, wenn wir gute Gastgeber für die Aufstellungen sind (SPARRER und  VARGA v. KIBÈD), die keiner machen, können, leisten oder besitzen kann. Aufstellungen „geschehen“, wenn die Bedingungen „günstig“ dafür sind.

LIteratur:

FUCHS, Marianne (1974-1989): Funktionelle Entspannung. Theorie und Praxis einer organismischen Entspannung über den rhythmisierten Atem. Stuttgart (Hippokrates)

HELLINGER, Bert (1994): Ordnungen der Liebe. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme)

SPARRERr, Insa u. VARGA v. KIBÈD, Matthias (2000): Ganz im Gegenteil. Tetralemmaarbeit und andere Grundformen Systemischer Strukturaufstellungen - für Querdenker und solche, die es werden wollen. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme)

WINNICOTT, D.W. (1979): vom Spiel zur Kreativität. Stuttgart (Klett-Cotta)

WITTGENSTEIN: Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung. Frankfurt (Suhrkamp)